Darsteller:
Die Oma (O), die Großtante (T), die Enkelin (E)
Ort und Zeit:
Esszimmer einer 3 Zimmerwohnung, ein beliebiger Sonntag
Oma hat den ganzen Vormittag gekocht um den allsonntäglichen Schweinebraten mit Kloß und Blattsalat auf den Tisch zu bringen.
Es klingelt. Pünktlich.
Die Tante öffnet.
T: ” Es regnet, gell?“
(Seit ca. 5 Stunden herrscht Dauerregen mit Hochwasserwarnung)
Da keine bestätigende Antwort kommt:
T:” Bist schon da?!“, lächeln, glucksendes Lachen
E:” Anders kann man sich meine Anwesenheit kaum erklären!” lächelt zurück, umarmt die Tante. Geht in die Küche, umarmt die Oma.
O: “ Oh hallo. Ist gleich alles fertig“
T:” Setz dich, setz dich. Ich bring das Essen“
Aus der Küche hört man Oma und Großtante hantieren.
Der Braten wird gebracht.
T:” Sooooo. der Braaaaten“
E:” Mmhh. Fein,fein.”
Wieder Geräusche aus der Küche. Großtante kommt wieder.
T:” Sooooo. Ich bring die Sauze“
Und das ist kein Tippfehler. Denn sie kann das Wort Sauce einfach nicht aussprechen. Will aber nicht Soße sagen, weil “Sauze” einfach vornehmer klingt.
Großtante kommt wieder aus der Küche.
T:”Sooo. Hier kommt der Salat!“
Eigentlich kommentiert sie jeden Gegenstand der gebracht wird. Das macht einem die ganze Überraschung kaputt.
T:”Salat ist so gesund. Musst du essen. Jaaa. Musst du essen! Selbst im Krieg haben wir immer Salat gegessen. Gell. Musst essen!“
Großtante macht dabei große Augen, und deutet dabei unentwegt auf die Salatschüssel.
E:”Ja.”
Oma ,die einzige die wirklich gearbeitet hat, kommt dann auch an den Tisch.
Läßt sich auf den Stuhl fallen.
Seufzt.
O: “So. Dann esst mal. Damits weg kommt.“
Der Schweinebraten reicht für 8 Leute. Fehlen also eigentlich noch 5 um aufessen zu können.
Schmatzende Geräusche.
T:” Musst viel lernen in der Schule?“
Die Stimme geht immer von unten nach oben, damit man sie ja hört.
E:” Ich bin an der Uni, nicht an der Schule. Aber ja, ich muss viel lernen“
Genauso viel wie an den Sonntagen zuvor.
T:”Musst Traubenzucker nehmen.”
E:”Zum Essen???“
T:”Wenn du lernen musst. Jaaaa. Musst Traubenzucker nehmen.”
Mist, sie hat die Ironie einfach nicht drauf.
T:” Der Sohn unseres Apotherkers hat immer gesagt: Musst Traubenzucker nehmen. Fürs Gehirn. Damit du lernen kannst. Jaaaaaaaaaaaaa. Das stimmt!“
Oma verdreht die Augen. Schweigt aber. Enkelin macht sich selbst durch Schweinebraten Mundtod. Entgeht so einer Diskussion über die medizinische Indikation von Traubenzucker.
T:” Ahh. So ein feiner Braten. Da könnte ich die Sauze mit dem Löffel essen“
Lacht. Sie macht die Bemerkung bei jedem Braten und bei jeder Sauze. Äh Soße.
T:” Im Krieg (eigentlich sagt sie:”Griech“) haben wir ja immer schwarz geschlachtet, gell Oma, da haben wir schwarz geschlachtet. Aber das ganze Dorf hat ja schwarz geschlachtet. So eine fette Sau war das, die haben wir nicht mal die Treppe hochgebracht“
Sie versucht mit ihren Armen die Größe der Sau anzuzeigen. Schafft es nicht. Sticht dabei der Oma fast mit der Gabel ein Auge aus und wiederholt den Satz gefühlte fünfmal. Dann folgt die Geschichte der Sau die so groß war das sie die Treppe nicht mehr hoch gepasst hat. Diesmal allerdings von der Oma erzählt. Wie jeden Sonntag. Da die Aussage “die Sau hat nicht die Treppe hoch gepasst” schon die Pointe der Geschichte ist, muss sie hier nicht eigens erwähnt werden.
T:” Des hast jetzt schon so oft erzählt“
Egal. Oma erzählt sie trotzdem noch mal.
T:” Naja. Unterm Hitler da hat mans scho schwer gehabt.“
Da ist es wieder. Das sonntägliche Stichwort.
Enkelin denkt an den Song von den Ramones:”Sedated”
Einschub: Der Begriff Sedierung (seltener auch Sedation, v. lat. sedare, „beruhigen“ eigentlich „sinken lassen“ ) wird vor allem in der Medizin verwendet. Sedierende Arzneien nennt man Beruhigungsmittel oder Sedativa (Singular Sedativum)
T:” des war schon schlimm im Griech. Gell. Da hat man nicht so viel zum Essen gehabt.“
O:”Jaaaa.”
T:”Gell, da war man schon froh um so eine eigene Sau die man schlachten konnte.“
Schweigen. Kauen.
T:” Hat denn der Hitler nicht bald Geburtstag?“
Die Stimme im Kopf der Enkeling singt mit den Ramones:
“Twenty-twenty-twenty four hours to go I wanna be sedated. Nothin’ to do and no where to go-o-oh I wanna be sedated“
T:” Da mussten wir ja immer die Fahnen raushängen. Weißt noch?“
E:” Neee.“
T:” Ich mein doch die Oma. Gell. Da mussten wir immer die Fahnen raushängen. Und dann gabs nen großen Umzug im Dorf. Und die Mannsbilder haben Bier getrunken. Und es wurde getanzt.“
E:” Und ne Sau geschlachtet? Leider dann aber die falsche.“
T:” Neee, das war doch verboten. Das Schwarzschlachten. Die hätten dich ja sofort gemeldet. Die anderen aus dem Dorf. War doch verboten. Damals. Im Griech.“
Sie hat es immernoch nicht raus mit der Ironie.
Enkelin versucht sich mit Essen zu sedieren. Obwohl die Stimmen der Ramones im Kopf immer lauter werden.
T:” Musst aber Salat essen. Ist gesund! Vitamiiineeee.” Sie sagt: “Pfitamine“, aber egal.
E:” Mmh.” Kaut ungerührt weiter.
T:” Unser Pfarrer ist ja aus Indien,gell. Aber er spricht fei echt gut deutsch.”
Keine Reaktionen.
T:” Der war ja beim Papst,gell. Im Vatikan.” Sie sagt: “Wadikan“, aber die Augen leuchten.
T:” Aber sonst gibt’s fei schon viele Ausländer hier.“
Waaaah.
T:” Überall Türken. Die kaufen all unsere Wohnungen in der Siedlung weg. Die Türken. Alles von unserem Geld.Jaaaaa. Und wir Rentner haben nichts zu essen.“
E:” Du stopfst dich doch gerade mit Schweinebraten voll. DEN würden dir die Türken eh nicht wegnehmen.“
T: ” Die. Die kriegen doch eh alles geschenkt. Und dann kaufen sie unsere Wohnungen.“
Die Stimme im Kopf singt wieder:” Hurry hurry hurry before I go insane.
I can’t control my fingers I can’t control my brain. Oh no no no no no.“
T: “Aber am schlimmsten sind doch die Russenweiber.”
Langsam geht der Text im Kopf von der Enkelin aus.
T:” Überall biedern sie sich an. Die sind so was von schamlos!“
Um die Unterhaltung nachempfinden zu können muss der gewillte Leser wissen, das jetzt die Stimme der Großtante ein Maximum an Dezibel erreicht hat, damit auch jeder genau weiß dass sie jetzt wirklich sauer ist.
T: ” Heiraten unsere Männer und lassen sich aushalten. Und sind sooooooooo faul.“
Mehr kann man nicht essen um sich abzulenken. Irgendwann setzt das verdammte Sättigungsgefühl einfach ein.
T:” Das hätte es unterm Hitler nicht gegeben!“
So. Alle satt. Beziehungweise, eher überfressen.
O:” Sooo. Was kochen wir denn nächsten Sonntag?“
Die Stimmen im Kopf rühren sich noch einmal:
“Ba-ba-bamp-ba ba-ba-ba-bamp-ba I wanna be sedated
Ba-ba-bamp-ba ba-ba-ba-bamp-ba I wanna be sedated“
Das Lied ist aus. Das Essen vorbei.
Und der Monolog der Großtante für eine weitere Woche unterbrochen.
Ein Prost auf Schweine und Hitler!
Für mehr Informationen zum “Song im Kopf”, watch this:
was habe ich herzhaft gelacht!! ja, ja der griech…! weiter so, damit wir jeden tag mitlachen können!!!