Generation 80Plus

Wenn sich zwei Herrschaften der Generation 80Plus unterhalten, hat das in etwa soviel Unterhaltungswert wie
6 Stunden „Wetten Dass“.

Wenn nun einer der zwei Herrschaften das Resultat des Gespräches einer dritten Person derselben Generation versucht mitzuteilen, wird es endlich interessant und hört sich in etwa so an:

Alter Mann (A), Ehefrau (E)

A setzt sich an den gemütlichen Kaffeetisch. Die vor ihm liegende Sahnetorte wird gänzlich ignoriert, gibt es doch was Wichtiges mitzuteilen was man ansonsten über den Genuss des süßen Kuchens hinweg vergessen könnte.

A:“ Also. Ich hab ja mal telefoniert wegen dem jährlichen Schülertreffen.“

E schaut etwas verständnislos.

A:“ Jaaa, da ist mir was komisches passiert.“

E taucht die Gabel in die herrliche Sahnetorte und bleibt dann auf halbem Wege zum Mund mit der Hand stehen.

E:“ Wieso. Was ist denn passiert?“

A:“ Da hab ich die Winters anrufen wollen. Weißt schon. Das hab ich doch jetzt schon so oft probiert, und hab nie jemanden erreicht. Irgendwas stimmt da mit unserem Telefon nicht. Ich wähle immer die Nummer und dann kommt kein Freizeichen.

E hält die Gabel immer noch unverändert.

E:“ Die Winters? Wieso?

A:“ Na wegen dem Schülertreffen. Weißt doch. Hab ich doch immer versucht die Winters anzurufen.“

E:“ Ach. Ist das heuer?“

A:“ Ja natürlich! Jedes Jahr!“

A wird deutlich lauter. Er hat die Torte vor ihm noch nicht mal berührt.

E:“ Und? Hat schon jemand zugesagt.“

A:“ Ach, Herrgott du hörst mir ja überhaupt nicht zu. Will ich dir doch grad erzählen. Mit den Winters!“

E:“ Brauchst nicht gleich laut werden. Ich hör dich schon noch!“

A:“ Also immer wenn ich angerufen hab, hat es nicht funktioniert. Vielleicht hab ich ja ne Nummer vergessen gehabt zum wählen? Aber früher bin ich ja auch immer durchgekommen.“

E:“ Da lebten die aber noch im Sonnenweg. Seit 52. Das weiß ich genau. Haben doch gebaut. Damals.“

A:“ Aber die Nummer hat sich doch nicht geändert. Die NUMMER BLIEB DOCH DIESELBE!“

E:“ Nun schrei doch nicht so!“

Die kurze Grummelpause auf beiden Seiten wir von E schamlos ausgenutzt um endlich die lang ersehnte Torte in den Mund zu schieben. A holt erstmal tief Luft, sticht dann beherzt mit der Gabel in die Torte und isst.

E:“ Hast du sie jetzt erreicht? Wie geht’s ihnen denn?“

A:“ Also ich hab jetzt noch mal angerufen. Und plööööötzlich krieg ich ein Freizeichen. Ich dachte ja immer es stimmt was mit dem Telefon nicht! Aber vielleicht lag es ja auch an ihrem Apparat?“

E:“ Kaffee?“

A:“ Ja, bitte. Wird ja sonst kalt.“

E schenkt Kaffe ein. Reicht Milch und Zucker und sticht wieder in das zunehmend schmäler werdende Tortenstück.

E:“ Mit diesen neuen Telefonen komm ich ja sowieso nicht zurecht.“

A:“ Herrgott noch mal, lässt du mich jetzt mal weitererzählen?“

E:“ Kann ja sein, dass die Winters auch Probleme haben mit ihrem Telefon!?“

E ist sichtlich beleidigt, A seufzt, trinkt einen Schluck und fährt fort.

A:“ Jedenfalls hatte ich das Freizeichen und SIE ist dann gleich rangegangen. Aber war irgendwie komisch. So alles. Die Stimme und alles von…ach, mist, wie hieß sie nun gleich wieder? Marlon?“
E:“ Das ist doch ein Männername!“

A:“ Na, aber so ähnlich. Irgendwie war doch das ein ausgefallener Name. Weißte doch!“

E:“ Ne du, ich glaub die hieß einfach Anne! Du verwechselst das mit Marlene. Die ist doch aber die Frau vom Schmitzner Bernd. Weißt nicht mehr? Die die sich das große Haus am Wäldchen gebaut haben. Und dann ist ihr Bruder gestorben und den seine Frau war ja schon früher tot, und sie haben dann die Kinder nehmen müssen! Weißt nicht mehr. Die Marlene! Hat doch immer geschimpft, dass die Kinder so ne Unordnung machen. Weißt noch!“

A:“ Ja. Glaub schon. Also dann heißt sie Anne. Stimmt. Die klang aber echt komisch. Da hab ich gesagt:“ Mensch, das ist ja unglaublich. Versuche euch ja schon so lange zu erreichen!“ und dann sagt sie “ Ja. Wir wohnen ja jetzt im Heim!“. Stell dir vor, IM HEIM! Aber ich hab doch ihre Nummer gewählt und dann komm ich im Heim raus. Stell dir vor! Weiß gar nicht wie das passieren konnte! Erst krieg ich keine Verbindung mehr und dann komm ich im Heim raus!“

A rudert mit den Armen und verteilt so dezent Tortenreste auf dem Küchentisch mit der feinen Tischdecke.

“ Also frag ich: „Wollte mal fragen wie es dir und dem Alfred geht und ob ihr zum Schülertreffen kommen könnt!“ Und so. Also ich gebe das jetzt ein bisschen anders wieder, als es tatsächlich war. Weil die Anne war so komisch. Hat so komische Sätze gesagt und so, und dann sagt sie:“ Der Alfred ist doch tot! Und ich kann nicht kommen. Ich bin doch im Heim!“ Stell dir vor. Da ist der Alfred gestorben und wir wissen das gar nicht. Da hab ich zu ihr gesagt:“ Mensch, da ist der Alfred gestorben. Das haben wir ja gar nicht mitgekriegt! So keine Anzeige in der Zeitung oder so was. Mensch. Der Alfred. Wann ist denn das dann passiert?!“ Und da sagt sie:“ Ich weiß nicht genau. Vielleicht vor zwei Wochen. Aber ich war ja nicht auf der Beerdigung. Ich weiß nicht so genau.“! Also ich gebe das jetzt halt so wieder wie ich es alles verstanden hab. Also die Anne die ist schon ziemlich wirr und so. Da muss man sich das meiste zusammen reimen, gell! Aber der Alfred ist einfach so gestorben. Und sie war nicht mal bei der Beerdigung und jetzt hat sie mir erzählt, dass sie nicht mal weiß wo das Grab ist, weil sie sich ein Foto von Alfred aufgehängt hat mit dem sie immer redet, weil der Alfred und sie hätten ja nie was von Friedhöfen gehalten. Das ist doch plemplem! Völlig wirr ist die! Das ist doch fast schon verrückt. Redet die da mit nem Foto. Da hört sich doch alles auf! Ich mein es ist ja eine Sache, dass der Alfred einfach so stirbt ohne das jemand was davon mitkriegt, aber es ist ne andere Sache mit einem Foto zu sprechen, oder? Wer spricht denn mit Fotos? Völlig plemplem ist das doch.

A hat einen schönen roten Kopf und rudert weiter mit den Armen.

E ist völlig gebannt von A´s Redefluss. Die Kaffeetasse die sie zum Mund geführt hat, blieb auf halber Strecke stehen und ihr Inhalt ist wohl inzwischen kalt geworden.

A kommt wieder zu Atem, trinkt etwas Kaffee, isst etwas Kuchen.

E: “ Wir haben ja auch unser Familiengrab! Da weiß ich doch wo ich beerdigt werde!“

A: “ Eben. Jaaa. Da muss man sich doch kein Foto aufhängen mit dem man redet wenn man ein Grab hat! Kostet ja auch ne Menge so ein Grab. Dann will man als Hinterbliebener auch was davon haben! Fotos kann ich mir auch so ansehen. Völlig plemplem ist das.“

E:“ Ist doch auch schön, wenn man so einen ruhigen Ort hat, an dem man gehen kann!“

A:“ Die lade ich zum nächsten Schülertreffen jedenfalls nicht mehr ein. Völlig verwirrt ist die!“

E:“ Schülertreffen? Ist das wohl heuer wieder?“

…und wenn er sie nicht mit der Kuchengabel ermordet hat, reden sie noch heute…!

Veröffentlicht in: on September 11, 2008 at 21:45 Kommentare (1)